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Wird er es erleben?

GfR: Otto Berg wird eine neue Brücke wohl nicht mehr erleben.

Nach großem anfänglichem Interesse (?) haben sich die Politiker nun von jeder Art einer Fußgänger- und Radfahrerbrücke distanziert, auch wenn diese bis zur BUGA realisiert und finanziert werden könnte und einer späteren Autobrücke nicht im Wege stehen würde.

 

Stattdessen plant man weiter eine Autobrücke oder einen Tunnel in mehreren Jahrzehnten.

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Allgemeine Zeitung Bingen     28. August 2016

Einer der Letzten, die die Brücke nutzten

Von Sebastian Moll

 

BINGEN. Die Iden des März sind seit jeher ein schicksalhaftes Datum. Im Jahre 1945 sollte sich dieser Fluch auch für das obere Mittelrheintal bewahrheiten. Am 15. otto-berg-brücke2März 1945 stürzt die Hindenburgbrücke, die majestätische Verbindung zwischen Bingen und Rüdesheim, komplett in sich zusammen. Nicht durch Feindeshand, sondern durch deutschen Sprengstoff.

 

In nur zwei Jahren errichtet

Erbaut wurde sie erst 20 Jahre zuvor, innerhalb von gerade einmal zwei Jahren (1913-1915). Benannt war sie nach einem der populärsten Kriegsherren jener Zeit, Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg (1847-1934).


Vom einstigen Ruhm deutscher Größe und Schaffenskraft ist in jenen Tagen nicht mehr viel zu spüren. Im Gegenteil, Otto Berg, damals als 15-Jähriger Mitglied der Hitlerjugend, verlässt das Wehrlager in Waldalgesheim mit einem von Mauleseln gezogenen Wagen. Bis zur Rheinüberquerung gelingt der Marsch problemlos, doch als die Tiere das Wasser unter sich spüren, gehen sie keinen Schritt weiter.
„Wie wir die Esel schließlich ans andere Ufer brachten, weiß ich auch nicht mehr“, erinnert sich Otto Berg. „Ich glaube, die ganze Sache dauerte mindestens eine Stunde.“

 

Es wäre ein Traum, die Eröffnung einer neuen Brücke noch erleben zu dürfen
Otto Berg, Zeitzeuge

 

Von dieser kleinen Erinnerungslücke abgesehen ist das Gedächtnis des nunmehr 86-Jährigen, der bis heute in seinem Geburtshaus in Alterkülz (Hunsrück) lebt, wahrhaft phänomenal. Im Gespräch mit ihm entsteht die Atmosphäre jener Zeit vor dem geistigen Auge des Zuhörers in lebendigen Bildern.
Schöne Bilder sind es keineswegs, aber Berg ist nicht der Typ, der beim Erzählen in eine schlechte Stimmung verfällt. Eher muss man ein wenig schmunzeln bei der Vorstellung, wie ein paar Jungs krampfhaft überlegen, wie sie eine Gruppe von Eseln über eine Brücke kriegen, während die massiven Wehrmachtspanzer sie mühsam zu überholen versuchen.

Sprengung stand unmittelbar bevor

Die Sprengung der Hindenburgbrücke steht zu diesem Zeitpunkt unmittelbar bevor. Otto Berg sieht die mit Sprengstoff gefüllten Kammern. Sein einziger Trost: Er weiß, dass er hier vor den Bomben der Alliierten sicher ist. Erst kurz zuvor hatte er den Fliegerangriff auf den Bahnhof Bingerbrück hautnah miterlebt.


Doch die Brücke würden die Alliierten nicht bombardieren, zu wichtig ist sie für den Nachzug ihrer Truppen. Genau aus diesem Grund legte das deutsche Militär selbst Hand an und beschloss die Sprengung für jenen 15. März.
Als Otto Berg schließlich auf der anderen Rheinseite angelangt ist, wird er sich bewusst, dass er und seine Kameraden zu den Letzten gehören würden, die an dieser Stelle den Fluss überqueren? Und das bis heute!

 

Die Hindenburgbrücke wurde nach dem Krieg nicht wiedererrichtet. Somit existiert seit nunmehr über 70 Jahren kein Brückenbauwerk zwischen Kobblenz und Mainz, auf beinahe 84 Flusskilometem, ein absoluter Rekordwert.

 

Das in diesen Tagen kontrovers diskutierte Bürgerbegehren zur Erstellung einer Machbarkeitsstudie für eine neue Brücke wird von Otto Berg daher außerordentlich begrüßt. Um seine Unterschrift zur Unterstützung lässt er sich nicht zweimal bitten.
„Es wäre ein Traum, die Eröffnung einer neuen Brücke noch erleben zu dürfen“, sagt Berg. „Da wäre ich auf jeden Fall dabei und würde rufen: Guck! Da sind wir damals schon rüber!“ Ob sein Wunsch wohl in Erfüllung geht?

Dr. Sebastian Moll ist evangelischer Theologe, Buchautor und Binger.

 

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Veröffentlichung

Mo, 23. August 2021

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